GESCHICHTE

1935

„Arendsee wird judenrein“ verkündete der „Niederdeutsche Beobachter“.  Die antisemitische Stimmung wurde angeheizt und Fensterscheiben der Villa Hausmann vorsätzlich zertrümmert. Die weitere Erlaubnis zur Aufrechterhaltung des Erholungsheims wurde untersagt. Es kam zu einem Zwangsverkauf durch die Nationalsozialisten für 20.000 Reichsmark (der tatsächliche Wert lag bei 1.5 Mio RM) an die „Goebbels-Stiftung für Bühnenschaffende“ der Reichstheaterkammer. Umfangreiche Umbauten folgten. Unter anderem wurde das Emblem der Hausmanns, direkt in der Spitze des Gebäudes durch einen Adler mit Hakenkreuz ersetzt. Die Hausbibliothek der Hausmann-Stiftung sowie Fotos der Hausmanns wurden vernichtet. Fortan diente das Anwesen als Erholungsheim u.a. für Künstler des Nazi-Reiches.

1942

Im Rahmen einer Sammelaktion zur Verstärkung der kriegswichtigen Materialversorgung wurden aus dem Besitz der ehemaligen Hausmann-Stiftung u.a. auch die acht lebensgroßen Bronzefiguren aus dem Park erfasst und abgeliefert.

Das Gebäude der Goebbels-Stiftung wurde beschlagnahmt und sollte als Lazarett für Wehrmachtsangehörige zur Verfügung stehen. Aufgrund des schnellen Vormarsches der Sowjetarmee kam es dazu jedoch nicht mehr. Es folgte die Besetzung der Stadt und des Grundstücks durch die Rote Armee. Beträchtliche Teile des Inventars wurden von den Soldaten abtransportiert. Weitere Plünderungen folgten. Im Herbst des gleichen Jahres wurde das Gebäude als Quarantänelager für Umsiedler freigegeben. Nach Auflösung des Quarantänelagers wurde zum Schutz des Gebäudes vor weiterer Zerstörung ein Hausmeister eingesetzt, der Wohnrecht im Gebäude erhielt.

1952

Das Grundstück mit Villa wurde in Volkseigentum überführt. Die Fliesenwerke „Kurt Bürger“ Boizenburg wurde als Rechtsträger eingetragen. Während der Zeit der DDR wurde die Villa als „Kurt-Bürger-Erholungsheim“ des FDGB für Werktätige genutzt. Leichte Veränderungen bzw. Vereinfachungen an der Außenfassade wurden vorgenommen. Auf einer Teilfläche des Parks entstanden Parkplätze.

1948

Die Jüdische Landesgemeinde Mecklenburg in Schwerin wurde als Besitzerin der Villa „Hausmann“ eingetragen, die diese an die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) verkaufte. Als Vertreter der UdSSR unterzeichnete der Generaldirektor der Boizenburger Plattenfabrik, Baustoff e. G Boizenburg/Elbe, den Kaufvertrag für einen Wert von 62.500 DM. Zu diesem Zeitpunkt war das Gebäude fenster- und türenlos sowie vollständig ausgeräumt. Zeitgleich ist auch die Stadt Kühlungsborn an dem Kauf des Geländes interessiert, die sogar Vorkaufsrecht besaß. Jedoch wurde der Stadt im Vorfeld der Kaufverhandlung erklärt, dass sie keinerlei Baumaterial erhalten würde. Auch die jüdische Landesgemeinde war nicht in der Lage die Renovierungsarbeiten durchzuführen, was zur Verkaufsentscheidung führte.

2003

Die Organisation verkaufte die Villa an die Contrac-Gesellschaft für Haus-und Grundbesitz mbH Chemnitz für 650.000 EUR. Von den Stadtvertretern erhielt sie Ende 2004 den Auftrag die seit Jahren geschlossene Schwimmhalle zu sanieren.

2009

Unverrichteter Dinge veräußert Contrac die Villa „Baltic“ an den Investor Prof. Dr. Wagner.

2013

Das Vorhaben von Prof. Dr. Wagner war, neben der Villa ein Hotel und eine öffentliche Schwimmhalle zu bauen. Dafür entwickelte die Stadt Kühlungsborn einen Bebauungsplan für das Grundstück der ehemaligen Schwimmhalle, welcher ein Hotel mit Wellnessbereich vorsah.

1947

Es gelang jedoch nicht die Einbrüche abzuwehren. Viele Fenster und Türen wurden entfernt sowie Marmorplatten ausgebaut. Eine Entscheidung über die Nutzung des Gebäudes musste her. Die Landesregierung erwartete ein Gesetz über die Wiedergutmachung von Unrecht an jüdischem Eigentum.

2000

Im Zuge der Rückübertragung von enteignetem Vermögen wurde die „Conference on Jewish Material Claims against Germany“ Eigentümer der Villa „Baltic“ mit einem kleinen Grundstücksstreifen.

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1931

Margarete Hausmann war jüdischer Abstammung. Da das Paar kinderlos war, stiftete sie die Villa und den Park nach ihrem Tod der „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums zu Berlin“. 1931 wurde diese als Erholungsheim der „Hausmann-Stiftung Arendsee“ eröffnet. Die Räume in der Villa dienten als Gesellschaftsräume. In dem benachbartem Haus „Horn“ an der Poststraße waren circa 40 Betten für die Gäste untergebracht. Das Ehepaar fand im Park seine letzte Ruhestätte.

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Die Villa „Hausmann“ wurde nach 2 Jahren Bauzeit für 2,5 Mio Reichsmark fertiggestellt. Einer der renommiertesten mecklenburgischen Architekten Alfred Krause (1866-1930) zeichnete sich für die schlossartige Villa verantwortlich. Sie entsprach in den Details, den verwendeten Materialien und hinsichtlich der technischen Ausstattung, dem damals modernsten Stand der Bautechnik. Mit dem runden Eckturm, geschwungenem Giebel und neobarocker Fassade, geschmückt mit Pilastern, Erkern und kleinen Balkonen zählte der zweigeschossige Putzbau mit Mansardwalmdach zu den prächtigsten Häusern Arendsees. Hinzu kommt die kostbare Innenausstattung mit Gestaltungselementen aus Marmor und Marmormosaik. 

1900

Um die Jahrhundertwende haben der Berliner Rechtsanwalt und Notar Wilhelm Hausmann (1856-1921) und dessen Frau Margarete (1863–1929) unweit des Ostseestrandes in Kühlungsborn West (damals Arendsee) ein großes Stück Land erworben und legten zunächst einen etwa 38.000 Quadratmeter großen Park an. Vor Fertigstellung ihrer Villa wohnten sie in einem kleinen Haus im Park, welches sich – zwar baulich verändert – noch heute direkt an der Poststraße befindet. Vor allem in den Sommermonaten verbrachte das Paar viel Zeit in Arendsee.

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Gründung der Stadt Kühlungsborn, nach der ein Jahr zuvor erfolgten Zusammenlegung Arendsees mit der Gemeinde Brunshaupten-Fulgen. Die Goebbels-Stiftung erteilte der Israelitischen Gemeinde in Rostock die Zustimmung die Grabpyramide der Eheleute Hausmann im Park des Anwesens zu entfernen. Die Ruhestätte selbst wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ausgegraben, da es gegen jüdisches Gesetz verstoßen hätte. Heute wird vermutet, dass sich das Grab in der südwestlichen Ecke des Parks befindet. 2008 wurde eher zufällig eine schwarze Granitplatte mit den Lebensdaten der Hausmanns - die Grabplatte des Ehepaares - auf dem jüdischen Friedhof in Rostock wieder entdeckt, wo sie noch heute liegt.

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1969

Der Bau einer Meerwasserschwimmhalle auf dem benachbarten Grundstück der Villa begann, die 1972 eröffnet wurde. Baulich waren Schwimmhalle und die Villa miteinander verbunden. Durch den Haupteingang der Villa gelangte man durch die große Empfangshalle zum neuen Gebäudeteil. Die Villa „Hausmann“ erhält im Zuge dessen ihren Namen Villa „Baltic“ und wurde mit Restaurant, Café und Bar im ersten Stock, zum wichtigsten Treffpunkt der Stadt. Im Rahmen des Umbaus erfolgten erhebliche bauliche Eingriffe und Veränderungen.

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1991

Kurze Zeit nach der Wiedervereinigung wurde die Villa „Baltic“ geschlossen. Die Treuhand übernahm die Vermögensverwaltung.

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2017

Es folgte der Abriss der Schwimmhalle durch die Stadt und eine Aufwertung des Parkstreifens (Poststraße). Parallel schritt der Verfall des Gebäudes durch Witterung und Vandalismus weiter voran.

2019

Prof. Dr. Wagner realisierte seine Pläne nicht. Im Frühsommer kauften Jan und Berend Aschenbeck die Villa von ihm ab. Die Brüder sind Geschäftsführer der in Oldenburg ansässigen Aschenbeck & Aschenbeck Projektentwicklung GmbH. Mit dem Tag des Erwerbs hatten Jan und Berend Aschenbeck bereits die wichtigsten Maßnahmen getroffen, um den Vandalismus und den Verfall weitestgehend zu stoppen. Außerdem wurde für einen ordentlichen Zustand im und um das Gebäude gesorgt.

Die Arbeit für die Entwicklung eines Nutzungskonzepts zusammen mit der Stadt, Behörden und Experten begann.

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Es gelang jedoch nicht die Einbrüche abzuwehren. Viele Fenster und Türen wurden entfernt sowie Marmorplatten ausgebaut. Eine Entscheidung über die Nutzung des Gebäudes musste her. Die Landesregierung erwartete eine Gesetz über die Wiedergutmachung von Unrecht an jüdischem Eigentum.

Kurze Zeit nach der Wiedervereinigung wird die Villa Baltic geschlossen. Die Treuhand übernimmt die Vermögensverwaltung.

Quellenangabe:

@Heimatverein Kühlungsborn e.V.

@Sammlung Wolfgang Baade

@Untere Denkmalschutzbehörde des Landkreises Rostock

@Jürgen Jahncke „Aus der Geschichte des Ostseebades" + Jahrbücher

@Frankfurter Allgemeine Zeitung - Axel Wermelskirchen

@Sammlung Dr. Jan-Peter Schulze